Angsthase trifft Muthase - wer von den beiden hat bei dir eigentlich das Sagen?

Veröffentlicht am 16. Oktober 2026 um 19:00

Ein kleiner Plüschhase und ein ziemlich großes HERZGRINSEN

Ich war 19 Jahre alt, stand kurz vor meiner mündlichen Matura und war nervlich ungefähr so stabil wie ein Pudding auf einem Presslufthammer. Prüfungsangst. Versagensangst. Die Angst, nicht gut genug zu sein. Die Angst, jemanden zu enttäuschen. Und natürlich die wunderbare Fähigkeit, sich schon Tage vorher auszumalen, was bei der Prüfung alles schiefgehen könnte.

Mein innerer Angsthase hatte damals Hochsaison. Vermutlich hatte er sogar Überstunden angemeldet.

Wir wohnten zu dieser Zeit in einer sehr lebendigen Nachbarschaft. Mein damaliger Freund und ich waren dort altersmäßig die Küken, und natürlich bekamen die Nachbarn mit, wie sehr mich die bevorstehende Matura beschäftigte.

An gut gemeinten Ratschlägen mangelte es nicht.

„Du brauchst doch nicht so nervös zu sein!“

„Das schaffst du schon!“

„Mach dich nicht so fertig, das ist doch alles nicht so schlimm!“

Lieb gemeint. Ganz bestimmt.

Nur leider ungefähr so hilfreich wie ein Regenschirm mit Löchern.

Denn für mich WAR es schlimm. Ich HATTE Angst. Und ich konnte diese Angst nicht einfach abschalten, nur weil mir jemand versicherte, dass alles gut werden würde.

Und dann, ein oder zwei Abende vor meiner mündlichen Matura, klingelte es überraschend an unserer Tür.

Eine besonders liebe Nachbarin stand draußen. Sie hatte ein kleines Geschenk für mich.

Einen Plüschhasen.

In seinen Pfoten hielt er eine kleine Papierrolle. Darauf stand:

„ICH BIN DEIN MUTHASE.“

Und da war es plötzlich. Dieses riesengroße Gefühl von Wärme, Freude und Geborgenheit. Ein richtiges HERZGRINSEN, wie ich es heute nennen würde.

Ich fühlte mich gesehen. Verstanden. Auf eine ganz besondere Weise gestärkt.

Dieser kleine Hase war für mich plötzlich viel mehr als ein Stofftier. Er wurde zu meinem Mutbringer, zu einer Art Anker. Fast ein bisschen magisch.

Ob er tatsächlich etwas in mir verändert hat? Ich weiß es nicht.

Aber etwas Spannendes ist passiert: Nach der Matura verschwand meine ausgeprägte Prüfungsangst. Zwei Jahre später begann ich mein Lehramtsstudium, absolvierte unzählige Prüfungen, Klausuren und schließlich meine Diplomprüfung. Ohne dieses frühere Angstdrama.

Was genau sich damals verändert hat, kann ich bis heute nicht sagen.

Vielleicht war es die Erfahrung, eine große Herausforderung geschafft zu haben. Vielleicht war ich einfach reifer geworden.

Oder vielleicht hatte mein Muthase ja doch seine Pfoten im Spiel. 😉

Den kleinen Plüschhasen habe ich im Laufe meiner Übersiedlungen leider verloren.

Aber im Herzen trage ich ihn bis heute.

Wir alle haben zwei Hasen im Gepäck

Ich bin überzeugt, dass wir beide in uns tragen: den Angsthasen und den Muthasen.

Nur sind die beiden nicht bei jedem Menschen gleich groß, gleich laut oder gleich gut trainiert.

Bei manchen sitzt der Angsthase gemütlich auf dem Beifahrersitz und meldet sich gelegentlich, wenn ihm etwas nicht ganz geheuer vorkommt.

Bei anderen hat er längst das Lenkrad übernommen, das Navigationsgerät programmiert und vorsichtshalber sämtliche möglichen Katastrophen entlang der Strecke eingezeichnet.

Und dann gibt es Menschen, deren Muthase offenbar auf einer Schießbude als Hauptgewinn gewonnen wurde. Riesengroß, mit ordentlich Selbstvertrauen ausgestattet und ständig auf der Überholspur.

Da wäre ein kleiner Angsthase im Hosensack manchmal gar nicht so verkehrt.

Denn Angst ist nicht grundsätzlich unser Feind.

Sie kann uns warnen, aufmerksam machen und vor tatsächlichen Gefahren schützen.

Schwierig wird es erst, wenn sie beginnt, unser Leben zu bestimmen. Wenn wir Dinge nicht mehr ausprobieren, Gespräche vermeiden, Chancen verstreichen lassen oder uns ständig zurücknehmen, obwohl wir eigentlich gerne anders handeln würden.

Der Angsthase darf mitkommen. Aber er muss nicht der Chef sein.

„Was werden die anderen von mir denken?“

Eine Frage, die unglaublich viel Energie verschlingen kann.

Und die vermutlich fast jeder Mensch kennt.

Was denken die anderen, wenn ich das sage? Finden sie mich komisch? Halten sie mich für unfähig? Was, wenn ich etwas Blödes sage? Was, wenn ich nicht dazugehöre?

Kaum hat man einen dieser Gedanken fertiggedacht, stehen schon die nächsten drei vor der Tür.

Besonders deutlich zeigt sich das häufig in neuen Lebenssituationen. Etwa wenn Kinder oder Jugendliche in eine neue Schule wechseln.

Plötzlich sind die vertrauten Gesichter weg. Neue Mitschüler, neue Lehrer, andere Regeln und Gruppendynamiken. Und irgendwo dazwischen soll man auch noch herausfinden, wo der eigene Platz ist.

Für manche Kinder ist das ein aufregendes Abenteuer.

Für andere eine enorme Herausforderung.

Und nein, das bedeutet nicht automatisch, dass mit diesen Kindern etwas nicht stimmt.

Nicht jeder Mensch marschiert mit einem breiten Grinsen in eine Gruppe fremder Menschen und ist nach zehn Minuten mit der halben Klasse befreundet.

Manche brauchen Zeit. Sie beobachten erst einmal, hören zu, lernen die anderen kennen und bauen langsam Vertrauen auf.

Das ist keine Schwäche. Das ist eine Art, mit neuen Situationen umzugehen.

Mut bedeutet nicht, dass aus einem ruhigen, feinfühligen Menschen plötzlich der lauteste Mensch im Raum werden muss.

Wenn gut gemeinte Ratschläge mehr Druck machen als Mut

In meiner Praxis begegne ich immer wieder jungen Menschen, die vor genau solchen Herausforderungen stehen.

Manche sind von Natur aus eher ruhig, feinfühlig und zurückhaltend. Sie beobachten viel, nehmen Stimmungen intensiv wahr und setzen sich selbst oft enorm unter Druck.

Sie möchten dazugehören, nichts Falsches sagen und möglichst alles richtig machen.

Nur leider führt genau dieses ständige Nachdenken manchmal dazu, dass sie lieber gar nichts sagen.

Und dann kommt noch die Enttäuschung über sich selbst dazu.

Warum habe ich nichts gesagt? Warum fällt mir nie etwas ein? Warum können die anderen das so locker?

Ein ziemlich anstrengender Kreislauf.

Was brauchen junge Menschen in solchen Situationen von uns Erwachsenen?

Meiner Meinung nach ganz bestimmt nicht ständig vorgefertigte Antworten.

„Da hättest du doch einfach sagen können ...“

„Also ICH hätte dem aber geantwortet ...“

„Geh doch einfach hin und sprich sie an!“

Ja eh.

Mit einigen Jahrzehnten mehr Lebenserfahrung lässt es sich im Nachhinein wunderbar gescheit daherreden.

Aber Kinder und Jugendliche haben nun einmal nicht dieselben Erfahrungen, dieselbe Schlagfertigkeit und dieselbe Sicherheit wie wir Erwachsenen.

Und wenn wir ständig demonstrieren, wie viel besser wir eine Situation gemeistert hätten, kann beim Kind genau das hängen bleiben, was wir eigentlich vermeiden wollten:

Ich kann das nicht. Die anderen können das viel besser.

Dabei wäre eine ganz andere Botschaft wichtig:

Du bist gut so, wie du bist. Und du darfst trotzdem dazulernen.

Mut beginnt manchmal mit einem einzigen Satz

In meiner Arbeit versuche ich deshalb, gemeinsam mit den jungen Menschen kleine, überschaubare Herausforderungen zu entwickeln.

Kein großes „Ab morgen bist du selbstbewusst!“-Programm. Keine Aufforderung, plötzlich zur Klassenunterhalterin oder zum Klassenunterhalter zu werden.

Sondern winzige Etappenziele.

Vielleicht einmal ganz spontan eine kleine Bemerkung machen, ohne vorher hundertmal im Kopf durchzuspielen, ob das jetzt passend, interessant oder vielleicht doch irgendwie blöd sein könnte.

Einfach einmal etwas sagen.

Für jemanden, dem das leichtfällt, klingt das vielleicht lächerlich.

Für einen Menschen, der jede Äußerung vorher innerlich auf sämtliche denkbaren Reaktionen überprüft, kann das ein richtig großer Schritt sein.

Und genau deshalb darf dieser Schritt auch gefeiert werden!

Eine weitere Möglichkeit, die ich in meiner Arbeit gerne nutze, ist die bewusste Erinnerung an Situationen, in denen etwas bereits gut gelungen ist.

An ein ungezwungenes Gespräch mit vertrauten Menschen beispielsweise. An gemeinsames Lachen, an das Gefühl von Sicherheit und daran, wie leicht sich plötzlich alles angefühlt hat.

Denn häufig sind die Fähigkeiten ja längst vorhanden!

Diese jungen Menschen KÖNNEN locker reden. Sie KÖNNEN spontan sein. Sie KÖNNEN sich in einer Gruppe wohlfühlen.

Manche brauchen bei neuen Menschen einfach mehr Zeit, um Vertrauen und Sicherheit aufzubauen.

Und das darf so sein.

Der entscheidende Gedanke ist nicht: „Ich muss endlich anders werden.“

Sondern: „Ich kann das eigentlich schon. Und ich darf lernen, es auch in neuen Situationen zu schaffen.“

Ob und wie schnell sich dadurch etwas verändert, ist individuell unterschiedlich. Aber es ist ein Anfang, der zum jeweiligen Menschen passt.

Dein Angsthase braucht Erziehung. Keine Kündigung.

Als ehemalige Hundehalterin fällt mir dazu ein Vergleich ein.

Wenn ein Hund nie Orientierung oder Grenzen bekommt, kann das Zusammenleben ziemlich anstrengend werden. Manchmal braucht es Geduld, Konsequenz und immer wieder ein bisschen Nachjustieren.

Mit unserem Angsthasen ist es in meiner Vorstellung ähnlich.

Er darf da sein. Er darf mit uns spazieren gehen. Er darf aufmerksam sein und sich melden, wenn etwas tatsächlich gefährlich werden könnte.

Aber er muss nicht bei jedem unbekannten Geräusch Alarm schlagen und entscheiden, dass wir ab sofort das Haus nicht mehr verlassen.

Vor allem sollten wir lernen, seine Warnungen zu unterscheiden.

Ist da wirklich eine Gefahr?

Oder ist etwas einfach nur neu, ungewohnt und deshalb unangenehm?

Wenn ich erkenne, wovor ich Angst habe, kann ich anfangen, damit umzugehen.

Ich muss die Angst nicht wegdrücken. Ich muss mich auch nicht dafür schämen.

Aber ich darf ihr durchaus sagen:

„Danke für deine Sorge. Ich hab dich gehört. Und jetzt probieren wir trotzdem einmal einen kleinen Schritt.“

Vielleicht muss der Angsthase auch gar nicht perfekt erzogen werden.

Vielleicht reicht es schon, wenn er lernt, dass nicht jede Unsicherheit gleich eine Katastrophe bedeutet.

Du musst dir deinen Wert nicht erst verdienen

Ein weiterer Punkt liegt mir besonders am Herzen.

Viele Menschen haben früh gelernt, dass Anerkennung eng mit Leistung und erwünschtem Verhalten verbunden ist.

Wenn du brav bist. Wenn du gute Noten heimbringst. Wenn du nicht widersprichst. Wenn du keine Schwierigkeiten machst.

Natürlich wollen die meisten Eltern damit nicht vermitteln, dass ihre Kinder nur unter bestimmten Bedingungen wertvoll sind.

Trotzdem können solche Erfahrungen prägen.

Wenn ich meinen Selbstwert hauptsächlich daraus beziehe, was ich leiste und wie andere mich beurteilen, wird die Angst vor Fehlern schnell zum ständigen Begleiter.

Denn dann steht bei jeder Herausforderung gefühlt nicht nur die Sache selbst auf dem Spiel.

Sondern gleich mein ganzer Wert als Mensch.

Und das ist eine verdammt schwere Last.

Ich finde, wir dürfen uns viel öfter daran erinnern:

Du bist nicht erst dann wertvoll, wenn du etwas besonders gut machst.

Nicht erst mit einer guten Note.

Nicht erst, wenn du schlagfertig bist.

Nicht erst, wenn alle dich mögen.

Und auch nicht erst, wenn dein Angsthase endlich die Klappe hält.

Die anderen denken sowieso, was sie wollen

Jetzt kommt ein Gedanke, der vielleicht ein bisschen unbequem ist.

Wir können unglaublich viel Zeit damit verbringen, uns auszumalen, was andere Menschen über uns denken könnten.

Nur: Wir wissen es nicht.

Wir können niemandem in den Kopf schauen.

Und selbst wenn wir alles vermeintlich richtig machen, werden wir niemals kontrollieren können, wie andere uns wahrnehmen.

Die einen finden uns sympathisch. Andere vielleicht langweilig, seltsam, zu laut, zu ruhig, zu direkt oder zu irgendetwas.

So ist das nun einmal.

Warum also so viel kostbare Energie darauf verwenden, es in den Köpfen anderer Menschen möglichst gemütlich einzurichten?

Ich kenne diese Gedanken übrigens selbst.

Gerade wenn ich öffentlich eine klare Meinung vertrete, meldet sich auch bei mir gelegentlich die Frage, wie das wohl ankommen wird.

Aber mittlerweile kann ich damit gut umgehen.

Ich nehme wahr, dass mein Angsthase gerade etwas zu sagen hat. Ich höre kurz hin. Und dann entscheide ich, ob seine Bedenken wirklich relevant sind.

Ich muss nicht jedem gefallen.

Und ich darf trotzdem liebevoll mit mir selbst umgehen.

Das ist für mich ein wesentlicher Teil von Selbstakzeptanz.

Mut kann man üben. Auch mit zittrigen Knien.

Vielleicht bist du selbst eher Team Angsthase.

Vielleicht gehörst du zu den Menschen, die lieber zweimal nachdenken, bevor sie etwas sagen. Die neue Situationen erst einmal beobachten. Die sich schnell Sorgen machen, etwas falsch zu machen.

Dann möchte ich dir etwas sagen:

Du musst nicht zum Draufgänger werden.

Du musst deine Persönlichkeit nicht umkrempeln.

Und du musst auch nicht von heute auf morgen sämtliche Ängste überwinden.

Aber du kannst anfangen, deinen Muthasen ein bisschen zu trainieren.

Mit kleinen, überschaubaren Schritten.

Vielleicht sprichst du jemanden an, obwohl du nervös bist.

Vielleicht sagst du einmal deine Meinung, obwohl du nicht weißt, ob alle zustimmen werden.

Vielleicht meldest du dich zu einem Kurs an, obwohl du befürchtest, nicht gut genug zu sein.

Oder du erlaubst dir einfach, in einer neuen Situation noch unsicher zu sein, ohne dich dafür innerlich fertigzumachen.

Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben.

Mut kann auch bedeuten, die Angst wahrzunehmen und trotzdem etwas zu wagen, das dir wichtig ist.

Und manchmal besteht der mutigste Schritt darin, dir selbst die Zeit zu geben, die du brauchst.

Vielleicht brauchst du einfach wieder einen Muthasen

Wenn ich heute an meinen kleinen Plüschhasen zurückdenke, dann denke ich nicht zuerst an die Matura.

Ich denke an diese überraschende Geste meiner Nachbarin.

An das Gefühl, verstanden zu werden.

An dieses wunderbare HERZGRINSEN.

Sie hat mir meine Angst nicht ausgeredet. Sie hat sie nicht kleingeredet. Sie hat auch nicht versucht, mich mit besonders klugen Ratschlägen auf Vordermann zu bringen.

Sie hat mir einfach einen Muthasen geschenkt.

Und manchmal ist genau das die Botschaft, die wir brauchen.

Nicht: „Stell dich nicht so an!“

Sondern: „Ich sehe, dass du Angst hast. Und ich glaube trotzdem an dich.“

Vielleicht können wir unseren Kindern, unseren Mitmenschen und auch uns selbst öfter so begegnen.

Mit etwas weniger Druck. Mit etwas mehr Verständnis. Und mit dem Vertrauen, dass Entwicklung auch in kleinen Schritten stattfinden darf.

Unser Angsthase muss nicht verschwinden. Er gehört zu uns.

Aber vielleicht sollten wir ihm hin und wieder einen zweiten Hasen zur Seite setzen.

Einen, der uns daran erinnert, dass wir mehr können, als unsere Angst uns gerade zutraut.

Und wer weiß?

Vielleicht reicht manchmal schon ein kleiner Muthase, um ein ziemlich großes HERZGRINSEN auszulösen. ❤️🐰